Eine
Ausstellung der Abteilung Malerei, halluziniert und illuminiert von Henning Bohl und Florian Pfaffenberger.
Das Stundenbuch als Übergangsobjekt
Als die Mutter mit
dem Kind den stratifizierten Raum zwischen Landschaft und Stillleben verlässt, faltet sich der restliche Raum zusammen, zu
den Genres, und teilt sich von da an immer weiter auf. Sie lassen dabei die Malerei zurück wie zwei Hälften eines Sandwichs,
in dessen Mitte der Belag fehlt. Dieser Belag, oder besser diese Belegung, wird die Malerei von da an als ein Fehlen begleiten
– ein Fehlen, das durch immer neue Belegungen ersetzt wird. Zum Beispiel durch Inhaltskonflikte.
Zu
Anfang aber das Stillleben. Wenn Medien obsolet erscheinen, verwandelt sich ein jedes zu seiner eigenen Drag-Version: es erlangt
durch das Erkennen seiner Grenzen schließlich ein Selbstbewusstsein. (Selbstbewusst-Werden heißt hier, zu deinem eigenen Problem
zu werden. Unfähig, noch an deine einstige Bedeutung zu glauben, versagst du darin, das zu sein, was du bist und wirst, was
du immer schon sein wolltest: dein Anderes.)
Als aus Büchern Druckerzeugnisse werden, träumen sie
in diesem Moment davon, sich vom Tisch aufzurichten und die Streublüten abzuschütteln, die sie gerade zuvor noch so umständlich
auf sich selbst drapiert hatten. Sie wollen lieber die ganze Pflanze oder ein Vorhang werden, Topologie oder Schwelle sein.
Die falschen Libellen sollen sich niederlassen, so echt wollen die halluzinierten Blüten, wollen alles zugleich, sprich, Malerei
sein. Die Malerei wiederum möchte zu Beginn schon das eigene Kapitel lieber möglichst schnell hinter sich lassen, umblättern,
weiterblättern. Also malt sie sich als ihre eigene Rückseite, als Anti-Bild, oder als Bild-Schirm. Irgendetwas muss immer
herausragen. “Das Stilleben ist ein wildgewordener Rand, der sich selbstständig gemacht hat, der den gesamten Raum der Darstellung
erobert hat”, nennen das Bernhard Siegert und Helga Lutz.
Die Tage vergehen, während wir unser
tägliches Leben aufführen, wie das Umblättern eines Stundenbuchs, das seine Bedeutung verloren hat – dessen entleerte Rhythmik
wir aber unbewusst, performativ weiter in uns tragen. Oder auch nicht. Winter wird Frühling wird Sommer wird Herbst in den
leeren Kathedralen verbleibender Sakralität und den Trümmern der Realität um uns und in uns. Mise en abyme… Was ist das eigentlich,
der gemalte Abgrund der Malerei? Was wird malend zugleich immer wiederholt, sich dabei wandelnd gezeigt und darin verborgen
(in Klischees, Topoi, Hegemonien…), unbewusst gemacht, ‚naturalisiert‘? Die künstlichen Blüten umrahmen den Abgrund der Bilder,
die wir projizieren und empfangen. Ich will eure Bilder vom Jetzt in den Blumen der Vergangenheit ertränken.
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Es
gibt Texte, nach denen man sich Bilder anders anschaut als zuvor: Metamorphosen der Fläche (2011) von Bernhard Siegert
und Helga Lutz ist so ein Text, Das selbstbewusste Bild (1993) von Victor Stoichita ein anderer. Beide schildern
dieses anfängliche Sich-Selbst-Problematisch-Werden der Bilder als einen offenen Raum der Verhandlung (von Widersprüchlichem).
Dem wollen wir nachspüren und fragen, in welcher Gestalt es im Heute auftritt, oder besser: was davon sich noch produktiv
machen lässt. Kurz, was uns das alte Problem (Urphantasie der Malerei) im Heute zu sagen haben könnte. Eine Frage, die wir
mit der ersten Ausstellung WINTER: Still Life beginnen zu stellen und die wir über das Jahr hinweg in vier Stationen
weiter betrachten. Die nächste Station SPRING: Imperial Landscapes.
Künstler*innen: Raihana Akbary,
Sophia Balog,
Hanna Berrio,
nathan c'ha,
Franky Daubenfeld,
Ela Deniz Demir,
Gregor Divizenz,
Somebody Foushku,
Isabelle Gray,
Deniz Amber Kinir,
Anne Kleinjan,
Luise Knecht,
Daniela Kuich,
Chattip Metchanun,
Kimia Nazari,
Neva Eda Özkan,
Emil Puchner,
Laurin Schuh,
Evgeny Tantsurin
Eine Kooperation
mit dem Museumsquartier Wien im Rahmen des Angewandte Schauraum, der mit wechselnden Ausstellungen von Studierenden von der
Universität für angewandte Kunst Wien programmiert wird und so ihre Arbeiten an einem öffentlichen Ort zeigt.