05. Mai 2026
An der Schnittstelle
von Kunst, Klima und Gesellschaft arbeiten Studierende wie Lehrende des Social Design Studios an einer Aktivierung des Außenraums
rund um das Burgtheater. Hauptakteurin ist dabei die Stadt selbst. Sie will in der Umgestaltung vorführen, wie sie sich angesichts
der Klimakrise verändert und sich gleichzeitig gegen die bedrohliche Situation wehren könnte. So wird der Josef-Meinrad-Platz
mit Stühlen und Sesseln möbliert, auf dem Parkplatz neben dem Theater braten Spiegeleier.
Diese und andere
Interventionen gehören zu einem gemeinsamen Vorhaben des Social Design Studios in Kooperation mit dem Burgtheater, um dessen
Außenraum umzugestalten und eine stärkere Verbindung in den Stadtraum hinein zu schaffen. Auf die Bühne tritt das Projekt
mit dem Namen Stadt führt sich auf! erstmals im Rahmen der Klimabiennale. Wie dies entwickelt
und realisiert wird, beleuchten Studierende und Lehrende der Abteilung.
Ausgehend
von einer Workshopwoche zum Thema Polster im urbanen Raum mit
WIENER TIMES (Johannes Schweiger, Susanne Schneider)
arbeiten Studierende seit Oktober dieses Studienjahres am Konzept für den Platz. Einem Stadtentwicklungsprojekt ähnlich widmet
sich seither ein Team von rund 30 Studierenden und Lehrenden neuen Ideen zur Nutzung des Platzes für die Allgemeinheit. Dabei
stehen klimafreundliche, soziale und ökologische Perspektiven im Mittelpunkt:
„Die Begrünung der Ringstraße ist
historisch gesehen gar nicht so weit entfernt, denkt man an die Grünzonen der Ringstraße um 1920“, erläutert Schraml.
Martin Färber und Christina Schraml, die beide in der Abteilung Social Design lehren, widmen sich mit der Plattform
StadtAufmöbeln der
Erforschung noch unentdeckter Möglichkeiten der Gestaltung öffentlichen Raumes und arbeiten dabei zentral nach Prinzipien
der Kreislaufwirtschaft. Sie setzen auch in ihrer Lehre besonderen Fokus auf zirkuläre Prinzipien, Nachhaltigkeit und deren
prototypischer Austestung im für alle zugänglichen Raum, als weiterer Effekt wird dadurch in künstlerischen Projekten auch
„Grundlagenforschung in Sachen Stadtentwicklung” betrieben. Einen maßgeblichen Anteil machen Formen „klassischer Feldforschung“
aus: Unter Auseinandersetzung mit sozialen, kulturellen, ökologischen wie architektonischen Faktoren nähern sich auch die
Studierenden dem Projekt – großgeschrieben wird, dass die Bevölkerung unmittelbar Gehör findet. „Die Begegnung und Anknüpfung
an Fokusgruppen und verschiedene Communities wie etwa Pensionist*innenvereinen oder in unserer Zusammenarbeit mit den
Häusern
zum Leben oder
Omas gegen rechts spielen eine essenzielle Rolle.“, erläutert Färber. Klimawandel
kann nicht ohne Klimagerechtigkeit gedacht werden und dies bedeutet Einbindung der direkt Betroffenen. „Es geht uns darum,
nicht nur die klimatischen Bedingungen positiv zu beeinflussen, sondern auch das soziale Klima“, so Färber. Die Erkenntnisse
gehen ein in Planung, Konzept, künstlerische Ideen und Produktionsphase künstlerischer und gestalterischer Beiträge, Objekte
oder Werke.
Doch was konkret wird auf dem Platz „aufgeführt“? Ein Besuch beim wöchentlichen Jour fixe des Projekts
in der Abteilung zeigt regen, einer Werkstatt ähnlichen Betrieb. Seile werden entwirrt, erste Tests mit Schaukeln an der Außenfassade
der Angewandten durchgeführt, Polster bedruckt und vernäht. Konstellationen einer Vielzahl an Objekten werden im Moment schematisch
erprobt, wie etwa die Positionierung einer Wagenburg, die Platz schafft: Die Autos stehen nicht mehr im Weg, sie verteidigen
nunmehr einen vom Verkehr abgeschirmten Hof.
Weiters in Entwicklung und Erprobung stehend sind neu genutzte Seile
des Schnürbodens, die zu Schattenspendern werden oder umgearbeitet Dächer im Außenraum ergeben können. Polster aus nicht mehr
verwendeten Materialien des Fundus laden zum gemütlichen Verweilen ein: Überdimensionale Spiegeleier dienen als Sitzflächen
in poppigen und auch giftigen Farben und nehmen dabei humorvoll Bezug zum Thema Erderwärmung: „Im Rahmen der Klimaerwärmung
könnte man ja mittlerweile richtiggehend Spiegeleier am Asphalt braten“, meint dazu Gestalter Samuel Schmid. Der Studierende
arbeitet neben den Polstern in Eiform aktuell an mehreren Objekten: „Aus ehemaligen Kimabiennale-Bannern mache ich Sitzpolster
mit Botschaften die Aufmerksamkeit und Diskussion erzeugen.”
Das verwendete Material stammt aus dem Betrieb des
Burgtheaters. Bühnenbilder, ausgediente Kostüme aus dem Fundus, ehemalige Requisiten oder technische Elemente aus Hinter-
und Unterbühnen stehen als breite Palette an verwertbaren Versatzstücken, Werkstoffen und Designelementen zur Um- und Aufwertung
zur Verfügung. Das Haus des Bühnenbilds der Produktion
Toto oder vielen Dank für das Leben von Sibylle
Berg aus der Spielzeit 2024/25 wird dazu in einen Fahrradständer umgestaltet. Der Bedarf eines Fahrradständers ging sehr klar
aus den Erhebungen hervor. Formgebend für die Gestaltung des Ständers ist der Rolls-Royce von Burgschauspieler Josef Meinrad,
der seinerseits ein großer Autoliebhaber war. In Anlehnung an die neue Nutzungsmöglichkeit wird aus dem Josef-Meinrad-Platz
temporär der „Josef, mein-Rad-Platz”. Zur Einweihung bei der Klimabiennale am Freitag, den 8. Mai erhalten Fahrräder ihre
eigene Kühlerfigur.
Dem Ansatz der Abteilung Social Design entsprechend gibt es auch Erkenntnisinteresse, neue
interdisziplinäre Formen und Möglichkeiten der Nutzung des öffentlichen Raums zu erproben und darin im Feld zu beobachten,
Nutzer*innenverhalten zu testen und ob manche Konzepte Potenzial zur Überführung in weitere Stadtentwicklungsprojekte in sich
tragen. Gerade aus der besonderen Perspektive von Kunst- und Designstudierenden entstehen Sichtweisen und Ansätze, die neue
Denkwelten eröffnen können.
In komplexen Anwendungsfeldern, wo oft starre Vorgaben kreativen Lösungen entgegenstehen,
können ihre Herangehensweisen einen Beitrag für noch nicht erkannte Ausgangpunkte hin zur Innovation darstellen. Die mitunter
unkonventionellen, fast utopischen Ideen rund um die Herausforderungen der Stadtentwicklung sind deshalb so wertvoll, da sie
auf vielen Ebenen Impulse setzen. Das bisher Undenkbare kann Denkprozesse anstoßen, Raum für Neuorientierung eröffnen und
Phänomene erfahrbar und darin visionäre Ansätze greifbar machen: „Die Diskussion um Gerechtigkeit in Bezug auf den Klimawandel
wird oft vernachlässigt. Dieser Gedanke fließt in mein Projekt
Concrete Cracks ein – weiche Kissen, die in ihrer
Form Rissen gleichen.“, erläutert die Studierende Elene Pichkhadze zu ihrem Projekt. „Die Kissen passen genau zu den Rissen
im Beton auf dem Platz. Sie offenbaren Themen wie Substanz und Verletzlichkeit; in diesem Zusammenhang geht es auch darum,
aufmerksam zu sein, um zu erkennen, was nicht perfekt ist." Die Besucher*innen werden eingeladen, mit den Kissen zu spielen,
diese visuell mit den Rissen im Asphalt zu verbinden. Die spielerische Beschäftigung ermöglicht unbewusst eine Neubetrachtung
und -bewertung von Ideen rund um neu gesehenen Brüche. Der Begriff, seine Bedeutung, Phänomen und Prinzip könnten vielleicht
sogar in Konzepten, Denk- und Handlungsweisen anders einfließen.
Im Rahmen der Klima Biennale Wien 2026, ein Projekt
des KunstHausWienStadt führt sich auf!
05.05.2026–08.05.2026
Burgtheater
Universitätsring
2
1010 WienZur
Klimabiennale Die Stadt führt
sich auf! auf der Website des Burgtheaters